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aber der Marquis ridicule blieb gleich anderen Stücken Scarrons auf den größten Komiker Frankreichs und spätere Lustspieldichter nicht ohne Einfluß. Scarron ebnete Moliere u. a. den Weg, indem er an Stelle der Tragi-comédies wirkliche Lustspiele setzte, indem er einen Anlauf zur Charakterkomödie nahm, obgleich seine Charaktere mehr Grotesken als Typen des Alltagslebens waren. Dann verschaffte der Marquis Don Blaise den lächerlichen Marquis und Edelleuten Molière's gewissermaßen das Recht, auf der Bühne erscheinen zu dürfen. Wenn ferner der Landjunker Mr. de Pourceaugnac durch das Erscheinen zweier Frauen, die mit ihm verheiratet zu sein vorgaben, von seinem Heiratsprojekte mit Julie abgeschreckt wird, so ist es vielleicht gestattet, an die Abenteurerin Stefanie zu denken, die die gleiche List anwandte. Endlich zeigen die kecken Diener und die hilfsbereite Soubrette Lisette eine gewisse Geistesverwandschaft mit ähnlichen Molière'schen Figuren. Der preziöse Stil Merlins kündigt bereits denjenigen des Marquis Mascarille und des Vicomte Jodelet in den Précieuses ridicules an.

Ich will die Darlegung der Beziehungen zwischen Scarron und dem späteren Lustspiel nicht weiter verfolgen. Mir genügt es heute, den Grad der Abhängigkeit des Marquis ridicule von der spanischen Comedia, die seine Vorlage war, bestimmt und gleichzeitig festgestellt zu haben, daß ein stetiger Fortschritt, eine künstlerische Entwickelung im Lustspielschaffen Scarrons nicht stattgefunden hat. Wenn ich in meiner Arbeit etwas ausführlicher zu Werke gegangen bin, so lag der Grund darin, daß es sich dabei für mich um die bisher noch wenig bekannten Anfänge der Figuron-Comedia und ihre Einführung in Frankreich handelte.

MÜNCHEN.

ARTHUR LUDWIG STIEFEL.

Die Vorlage der Turiner Rigomer-Episode.

Der unheilvolle Brand der Turiner Universitätsbibliothek und die Nachricht, daß unter den vielen verbrannten oder doch schwer beschädigten Handschriften sich auch L. IV. 33 befinde, veranlaßte E. Stengel eine in seinem Besitz befindliche Abschrift der Nummer 23 dieser Hs., die der leider zu früh verstorbene Dr. A. Feist seiner Zeit genommen hatte, 1905 abzudrucken. Aus dem Abschnitt von G. Paris über den Artusroman Rigomer wußte er, daß dieser Turiner Text eine bloße Abschrift des betreffenden Abschnittes in der damals in Privatbesitz des Herzogs von Aumale befindlichen Handschrift von Chantilly ist. Stengel selbst bemerkt hierüber: „Der Turiner Text ist sogar nach G. Paris eine direkte Kopie der einzigen sonst bekannten Hs. des Romans in Chantilly. Er erschloß das daraus, daß einerseits die Chantilly-Hs. mitten in der Erzählung mit Blatt 55 f abbricht, also ihre Schlußblätter verloren hat, und andererseits auch der Turiner Text mit der gleichen Zeile, aber inmitten von 59 d aufhört. Obwohl der Chantilly-Text mir nicht zur Hand ist, glaube ich den Turiner Text schon deshalb abdrucken zu sollen, weil er dadurch vielleicht allein vor endgiltiger Zerstörung geschützt wird. Gleichzeitig wird die Stelle als Probe von Jehans Dichtweise dienen können, da eine Ausgabe des in der Chantilly-Hs. 17459 Zeilen zählenden Gedichtes m. W. noch von keiner Seite geplant ist.“ Stengel konnte nicht wissen, daß G. Paris, was er einer besonderen Mitteilung nicht einmal für nötig erachtete, den Text aus beiden Hss. kannte1), was aber ganz überflüssig war, da das von Paris angeführte die Frage u. a. U. entschieden hatte. Wohl aber konnte Stengel wissen, daß ich eine Ausgabe von Rigomer seit 1888 immer wieder ankündige (auf dem gelben Umschlag meiner Romanischen Bibliothek), und in meinem Karrenroman S. XXIV bemerkt hatte, daß ich eine Abschrift davon besitze und sie bald herausgeben wollte.2)

1) Die Hs. von Turin hatte er damals ausgeliehen.. Den betreffenden Abschnitt der Chantilly-Hs., die er für seine Inhaltsangabe früher gleichfalls entlehnt hatte, kannte er durch mich, dem er seiner Zeit (1874) die Erlaubnis zur Abschrift und Ausgabe Rigomers vom Herzog erwirkt hatte. 2) Ich habe beides sofort nach Empfang von St.'s Druck dem Verf., dem ich auch hier für seine Zusenduug bestens danke, mitgeteilt: das Erstere wenigstens hat er darauf im Litbl. 1905, Sp. 182 b bemerkt.

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXII1.

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G. Paris hatte von dem Turiner Text en pleine connaissance de cause schon rundweg erklärt (Hist. Litt. XXX (1887) S. 95): Cette copie n'a donc aucune valeur. Wenn unter diesen Umständen schon die Zweckmäßigkeit des St.'schen Abdrucks fraglich erscheint, so ist dies noch viel mehr der Fall bei der langen und ausführlichen Anzeige, welche E. Brugger in dieser Zs. (XXX2 S. 129-156) demselben auf 26 Seiten gewidmet hat. Anlaß dazu war der Besitz einer Abschrift desselben Turiner Stückes, die auch B. seiner Zeit abgeschrieben hatte, sowie die Entdeckung, daß seine Abschrift von dem St.'schen Druck oft abweicht und gerade an Stellen, wo B.'s Abschrift offenbar das Richtige bot. Brugger schreibt Seite 129 darüber: „G. Paris' Ansicht, daß die Hs. von Chantilly selbst die Vorlage der Turiner Hs. war, ist in sehr einleuchtender Weise begründet worden. Immerhin sollte sich jetzt, da der Turiner Text veröffentlicht ist, einer der in Paris 3) sich aufhaltenden Romanisten die kleine Mühe nicht verdrießen lassen, hierüber Sicherheit zu verschaffen. Sollte sich, was kaum zu bezweifeln ist, Paris' Ansicht bewahrheiten4), so ist natürlich der Wert des Turiner Textes gering, voraussichtlich auf die Linguistik eingeschränkt. Der Kopist hat der Hs. den Stempel seines eigenen Dialekts (wallonisch) stark aufgedrückt.

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Da der Herr Rezensent all dieses weiß, fragt man sich, was er denn mit seinem langen Aufsatz eigentlich bezweckt, umsomehr als G. Paris, der beide Texte vor sich gehabt, bereits klipp und klar gesagt hatte, was auch B. seinerseits wieder zitiert: Cette copie n'a donc aucune valeur. Eine Darstellung der Eigenheiten der uns übrigens in massenhaftem Material überlieferten Mundart des Turiner Schreibers ließ sich auf 2-3 Seiten veranstalten und diese uns zu geben, daran hat der Rezensent nicht einmal gedacht.

Ich habe mich nun entschlossen, die Vorlage C des Turiner Textes im folgenden abzudrucken, um alle vielleicht noch bestehenden, aber jedenfalls unberechtigten Zweifel an dem eigentlichen Sachbestand endgültig zu beheben 5). Der bloße Abdruck, ohne ein einziges Wort irgend einer Begründung, erledigt die Sache ein für allemal. In einem einzigen Punkte, der freilich von untergeordneter Bedeutung ist, könnte man die schroffe Behauptung von der Wertlosigkeit des Turiner Textes in Etwas einschränken. Die (übrigens überaus flüchtig geschriebene,

3) Die Rigomer-Hs. ist nicht in Paris, sondern in Chantilly. Von meiner Abschrift und meinen stets wiederholten Ankündigungen (ebensowenig von Stengels Notiz im Litbl.) hat auch Brugger nichts gewufst.

4) Wie B. darüber überhaupt noch einen Zweifel haben kann, da er selbst paar Zeilen vorher zugegeben, dafs P. seine Behauptung Chantilly (C) sei die unmittelbare Vorlage von Turin (T), in sehr einleuchtender Weise begründet hat, ist nicht recht klar.

5) Der ganze Abenteuerroman von Rigomer erscheint in der Dresdener Sammlung der Vollmöllerschen Gesellschaft für romanische Texte, welche meine Ausgabe angenommen hat. Der Druck des sehr langen Textes hat eben begonnen.

auf mehrere Seiten abgewetzte, und von sehr dunkeln und sehr schwierigen Stellen wimmelnde) Hs. von C. ist unter anderen auch dadurch schon unbequem herauszugeben, daß beim etzten Einbinden das vernunftlose Messer des Buchbinders mehreremal halbe oder fast ganze Worte der Verszeilen abgeschnitten hat. Dies geschieht auch zweimal (f. 533 und f. 543) in dem von T. abgeschriebenem Stück, dessen Vorlage damals noch unbeschnitten war. Nun ließen sich zwar, ohne Kenntnis von T sämtliche Stellen (bis auf zwei, V. 548, wo ich an provees gedacht hatte, und V. 834, wo ich mir keinen Rat wußte) ergänzen,

Sonst lehrt uns die Turiner Abschrift all das, was sich ein altfranzösischer Schreiber beim Abschreiben seiner Vorlage erlaubt, und insofern ist ein Vergleich der beiden Texte von C und T z. B. in Seminarübungen wohl zu empfehlen. Es sind Dinge, welche jeder, der einen Text nach mehreren Hss. herausgeben mußte, ganz genau kennt und die jeder, der an die Bearbeitung eines einhandschriftlichen Textes herantritt, wissen sollte. Abgesehen von den unbeabsichtigten Flüchtigkeitsfehlern beim Abschreiben, Auslassen einzelner Wörter, finden sich auch eigenmächtige Änderungen, Ersetzen anderer Wörter, geringere und stärkere Änderungen des Textes, Auslassen von einzelnen Zeilen oder von Verspaaren, Umstellen einzelner Verspaare, Einschub von Verspaaren, Ersatz für in der Vorlage fehlende Silben, Wörter und ganze Zeilen, Besserungen (schlechte, aber auch sehr gute) von Fehlern der Vorlage und vieles andere, was hier nicht erwähnt werden kann. Aus einem solchen vergleichenden Studium ergeben sich für den Herausgeber eine Reihe von Erfahrungssätzen, die auch anderen bekannt sein sollten. Wer so sieht, wie so leicht Verspaare ausgelassen werden (und gerade C hat deren viele ausgelassen, andere noch obendrein seinerseits T), wird dann nicht die mir stets unverständliche Scheu vor Annahme von Lücken haben, wie man mir sie z. B. beim Aufdecken von solchen im Kristian immer wieder entgegengetragen hat, natürlich von solchen, die eben ähnliche Arbeiten nie unternommen haben. Selbst vor der Heiligkeit des Reimes, die man gern von vornherein annehmen möchte, macht der Schreiber keinen Halt, und wenn er nur Reime änderte, die gegen seine Mundart gehn!6) Aber er (gerade dafür gibt T drastische Proben) ändert auch solche, wo kein Anlaß dazu vorhanden izt.

Eine andere Verlegenheit, in die ein Herausgeber eines Textes nach mehreren Hss. oft gerät, betrifft die reichen Reime von geringeren

6) So sei besonders auf Z. 47-48 oir (,Erbe'): tenoir in C hingewiesen, das T sehr einfach ohne jedes Kopfzerbrechen in avoir geändert hat. Diese lautgerechte Entwickelung des lat. tenēre verdient nicht, wie es Burguy II, 385 tat, angezweifelt zu werden. Aufser seinen zwei Stellen kommt tenoir noch oft genug vor, wenn auch God. blofs die erste Burguy'sche Stelle hat. Schon Rad. v. Cambr. hats noch 226. 258, dann Aiol (s. Anm. zu 3433), Renaut v. M., Ogier, Image du M. und schon der altehrwürdige Leodegar, der tener mit aver reimt.

Hs., die man versucht ist, statt der geringeren Reime der besseren Überlieferung einzuführen. Man vergleiche meine Auslassungen hierüber an verschiedenen Stellen meiner Kristianausgaben. Ich habe, da es sich um keine eklektischen Texte handeln kann, dieser Versuchung stets widerstanden. Auch hier ist T lehrreich, da er reiche Reime gegen seine Vorlage einführt; beachte besonders 871. 872, wo C si fali reimt, das T geschickt in si: issy besserte. Da nun der Dichter eine entschiedene Vorliebe für reiche Reime hat, wäre Jedermann versucht, hier issi für ursprünglich zu halten, was aber nicht der Fall ist.

Viele Fehler der Vorlage hat auch T übernommen, und natürlich andere aus eigenem eingeführt. Eine Aufzählung der einzelnen Fälle kann ich mir wohl schenken.

Ich drucke nun im folgenden den Text von C ab und zwar ohne an der Schreibung des Schreibers etwas zu ändern. Nur die notwendigsten Änderungen habe ich eingeführt. Die Ziffern links geben die fortlaufende Zählung der Zeilen, wie sie in C stehn7); die Ziffern rechts geben die Zählung des Turiner Textes, wie er gedruckt ist, und im folgenden (dies muß eigens bemerkt werden) sind alle Zeilenzitate in dieser zweiten, rechts stehenden Zählung gegeben. Dies war nötig, weil B.'s Aufsatz diese Zählung hat und daher nur durch deren Beibehaltung der Text leicht und ohne Zeitverlust eingesehen werden kann.

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7) Warum ich nicht die Zeilenzählung Rigomers, die mit__ 15 923 begänne, gebe, erklärt sich aus dem Zweifel, ob ich in meiner Zählung nicht irgendwo gefehlt habe, was erst im Druck des ganzen Textes sich herausstellen kann.

12 duront Hs.

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